Man kann Konflikte lösen. Oder man kann lernen, um sie herumzuleben.
Als ich diese Klingelanlage gesehen habe, musste ich schmunzeln. Ein Knopf hier. Einer dort. Irgendwann wurde etwas ergänzt, verändert oder repariert. Manches scheint gar nicht mehr zu funktionieren – anderes offenbar schon. Und plötzlich dachte ich:
Genauso sieht es manchmal in unserem eigenen Leben aus.
- Wir wissen genau, welches Thema wir beim nächsten Familienessen besser nicht ansprechen.
- Wir schlucken eine Bemerkung herunter, weil wir keine Lust auf die nächste Diskussion mit unserem Partner haben.
- Wir ziehen uns bei einem bestimmten Menschen zurück, weil wir schon vorher wissen, wie er reagieren wird.
- Oder wir passen unser eigenes Verhalten an, damit bloß kein Konflikt entsteht.
Das funktioniert. Manchmal sogar erstaunlich lange.
Aber gelöst ist damit noch nichts.
Wenn der andere scheinbar das Problem ist
Vor einiger Zeit kam eine Klientin mit einem Konflikt zu mir, der sie schon länger beschäftigte. Zunächst ging es vor allem um den anderen Menschen. Was er sagte. Wie er reagierte. Was er nicht verstand. Und warum er sich nicht endlich anders verhalten konnte. Das kennen wahrscheinlich viele von uns. Denn von außen betrachtet erscheint die Lösung manchmal ganz einfach:
Wenn der andere sich ändern würde, wäre alles gut.
Nur haben wir darauf meistens relativ wenig Einfluss. Also haben wir den Blick verändert. Weg von der Frage:
„Warum verhält sich dieser Mensch so?“
Hin zu:
„Warum löst genau dieses Verhalten so viel in mir aus?“
Und an diesem Punkt wurde aus einem Konflikt mit einem anderen Menschen plötzlich auch eine Begegnung mit sich selbst.
Was passiert eigentlich in mir?
Genau diese Ebene finde ich in Konflikten besonders spannend. Denn zwei Menschen können dasselbe Verhalten erleben – und vollkommen unterschiedlich darauf reagieren. Der eine denkt: „Na und?“ Der andere ist tief verletzt.
- Einer kann problemlos eine Grenze setzen.
- Ein anderer bekommt schon beim Gedanken daran ein schlechtes Gewissen.
- Einer spricht einen Konflikt sofort an.
- Der andere liegt nachts wach und überlegt, wie er das Thema ansprechen könnte, ohne jemanden zu verärgern.
Warum?
Weil wir einer Situation nicht nur mit unserem heutigen Verstand begegnen. Wir bringen unsere Erfahrungen mit. Vielleicht haben wir früh gelernt, dass Widerspruch zu Ablehnung führt. Vielleicht war es sicherer, still zu sein. Vielleicht mussten wir sehr genau wahrnehmen, wie die Stimmung anderer Menschen gerade ist. Oder wir haben gelernt:
Wenn alle zufrieden sind, bin ich sicher.
Solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach, nur weil wir erwachsen geworden sind. Sie können beeinflussen, wie wir heute Beziehungen gestalten, Grenzen setzen und mit Konflikten umgehen.
Woher kennt meine Zelle dieses Gefühl?
Das ist deshalb eine Frage, die ich in meiner Arbeit sehr gerne stelle:
Woher kennt meine Zelle diese Situation?
Nicht unbedingt: Wann ist genau dasselbe schon einmal passiert?
Sondern: Woher kenne ich dieses Gefühl?
- Dieses Gefühl, mich nicht wehren zu dürfen.
- Nicht gehört zu werden.
- Mich anpassen zu müssen.
- Verantwortlich für die Stimmung des anderen zu sein.
- Oder Angst davor zu haben, einen Menschen zu verlieren, wenn ich sage, was ich wirklich denke oder brauche.
Manchmal liegt genau dort etwas, das wir im aktuellen Konflikt allein gar nicht erkennen würden. Denn der Mensch vor uns hat dieses alte Gefühl möglicherweise nicht verursacht.
Aber er hat einen Knopf gedrückt, den es längst gab.
Und plötzlich bekommt auch meine alte Klingelanlage eine ganz andere Bedeutung.
Nicht jeder Konflikt muss „weg“
Dabei geht es mir nicht darum, jeden Konflikt auf die eigene Kindheit zurückzuführen oder problematisches Verhalten anderer Menschen zu entschuldigen. Manchmal verhält sich jemand tatsächlich respektlos. Manchmal werden Grenzen überschritten. Und manchmal ist die gesündeste Entscheidung, Abstand zu nehmen oder eine Beziehung zu beenden. Persönliche Entwicklung bedeutet für mich nicht:
„Das Problem liegt immer bei mir.“
Sondern vielmehr:
„Was davon gehört zu meinem Gegenüber – und was davon gehört zu mir?“
Das ist ein großer Unterschied. Denn wenn ich das unterscheiden kann, werde ich handlungsfähiger. Ich kann eine Grenze setzen, ohne mich dafür schuldig zu fühlen. Ich kann sagen, was ich brauche. Ich kann akzeptieren, dass mein Gegenüber darüber vielleicht nicht glücklich ist. Und ich kann entscheiden, welche Beziehungen mir guttun – ohne immer wieder in dieselbe alte Dynamik hineinzurutschen.
Wenn wegen einer Kleinigkeit plötzlich alles eskaliert
Besonders sichtbar werden solche Muster häufig in Situationen, die eigentlich völlig banal erscheinen.
- Eine Bemerkung.
- Ein bestimmter Tonfall.
- Eine nicht oder zu spät beantwortete Nachricht.
- Ein vergessener Geburtstag.
- Oder die berühmte nicht eingeräumte Spülmaschine.
Und plötzlich ist da eine Wut, Traurigkeit oder Verletzung, die überhaupt nicht zu dem zu passen scheint, was gerade passiert ist.
Dann sagt unser Gegenüber vielleicht:
„Jetzt übertreibst du aber. Es geht doch nur um …“
Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht geht es tatsächlich nicht nur um diese eine Situation. Sie war lediglich der Knopf, auf den zuletzt gedrückt wurde. Und genau deshalb lohnt es sich manchmal, nicht nur über den aktuellen Auslöser zu sprechen. Sondern neugierig darauf zu werden, was darunterliegt.
Vielleicht schaust Du einmal auf deine eigene Klingelanlage
Gibt es einen Menschen, bei dem Du dich immer wieder auf eine ganz bestimmte Art fühlst?
Klein?
Hilflos?
Wütend?
Nicht gesehen?
Verantwortlich?
Oder hast Du das Gefühl, dich ständig erklären, rechtfertigen oder anpassen zu müssen? Dann versuche einmal, für einen Moment nicht beim anderen zu bleiben. Frage dich:
Was genau löst diese Situation in mir aus?
Was würde ich eigentlich gerne tun oder sagen?
Was hält mich davon ab?
Und vielleicht die spannendste Frage:
Woher kenne ich dieses Gefühl?
Nicht jede Antwort darauf finden wir sofort. Und manche Antworten liegen tiefer, als wir zunächst vermuten. Aber manchmal verändert bereits die Erkenntnis, dass der Mensch vor uns zwar den Knopf gedrückt hat – aber den Knopf selbst nicht eingebaut hat, unseren Blick auf einen Konflikt.
Und damit entsteht etwas sehr Wertvolles:
Wir müssen nicht länger nur darauf warten, dass sich der andere verändert.
Wir können anfangen, bei uns selbst etwas zu verändern.
Nicht noch einen neuen Knopf anbringen.
Sondern verstehen, warum der alte überhaupt noch funktioniert.
Herzlichst
Ihre Claudia Davidenko